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Psyche

Was ist Hochsensibilität & wie fühlt es sich an?

„Hochsensibilität ist ein veranlagungsbedingtes Persönlichkeitsmerkmal. Es betrifft etwa 15–20 Prozent der Menschen. Nach der wissenschaftlichen Definition hat die hochsensible Person („Highly Sensitive Person“, abgekürzt HSP) ein sehr empfindliches Nervensystem, nimmt Feinheiten in ihrem Umfeld verstärkt wahr und ist leichter überflutet von ihrer stark stimulierenden Umgebung. Als HSP besitzt man ein sehr erregbares Nervensystem, eine sehr umfangreiche Wahrnehmung, eine komplexe Informationsverarbeitung sowie ein intensives Empfinden und ein langes Nachhallen der Eindrücke.“ (nach der Akademie für Empathie, Berlin)

Hochsensibilität ist Fluch und Segen zugleich

Ich gehöre zu den HSPs und kann bestätigen, dass dieses intensive Empfinden und Wahrnehmen sehr viel Energie kostet. Es ist Fluch und Segen zugleich. Man nimmt Befinden und Gefühlswelt anderer Menschen sehr genau und oft viel zu stark wahr. Bei Hochsensiblen ist die äußere Wahrnehmung um ein vielfaches intensiver. Ich spüre sehr genau, wie es anderen Menschen geht, in welcher Gefühlslage sie gerade sind. Doch gestaltet genau diese Gabe den Alltag oft als sehr anstrengend und schwierig. Wenn man sehr feine Antennen besitzt und jede positive wie auch negative Energie sehr deutlich wahrnimmt, ist das kräftezehrend. Schulzeit, Studium, Beruf, Veranstaltungen etc. sind für HSPs oft anstrengend, verunsichernd und beängstigend.

Als HSP muss man sein Helfersyndrom in den Griff bekommen 

Ich nehme meine Umwelt viel intensiver und detailreicher wahr als die meisten anderen. Das gilt auch für die Gefühlslagen meiner Mitmenschen sowie für ihre Bedürfnisse. Schon in meiner Kindheit habe ich mich deshalb dazu verpflichtet gefühlt immer ein offenes Ohr für Menschen und ihre Probleme zu haben. Ich habe mich immer intensiv mit den Emotionen und Gefühlen anderer auseinandergesetzt. Habe gespürt, was diese Menschen brauchen und wie ich ihnen helfen kann. Dass dies allerdings zu einem sehr ungesunden Kreislauf werden kann, habe ich erst viele Jahre später verstanden. Ich musste lernen, dass ich nicht verantwortlich dafür bin, wie es anderen geht. Jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden, was gut für ihn ist – dies musste ich lernen, verstehen und akzeptieren.

Overload und Überreizung des Gehirns

Die hochsensible Wahrnehmung nimmt sehr viel Raum ein und ich verliere manchmal den Kontakt zu mir selbst. Oft führt dieser Overload bei mir dazu, dass ich völlig erschöpft und ausgezehrt bin. Ich kann mich dann selbst kaum mehr wahrnehmen. Eigene Bedürfnisse und Wünsche spüre ich nicht mehr klar; sie vermischen sich mit „Fremdgefühlen“. Entscheidungen zu treffen fällt mir dann besonders schwer. Gesunde Abgrenzung ist kaum mehr möglich. Mit den Jahren habe ich gelernt, besser damit umzugehen und mehr auf mich zu achten. Mich deutlich abzugrenzen und Nein zu sagen ist dabei ein sehr wichtiger Part. Mir ist wichtig zu betonen, dass Hochsensibilität oft falsch diskutiert und behandelt wird. Wird ein Kind als HSP eingestuft, sollte man sich bewusst machen, dass dies keine Schwäche ist. Als HSP besitzt man Gefühls- und Wahrnehmungsebenen, die viele andere nicht besitzen. Das sollte als positive Eigenschaft verstanden und gefördert werden. Es ist hilfreich für HSPs früh zu lernen, wie man mit seiner sensiblen Innenwelt in dieser affektgeladenen Gesellschaft umgeht. Daher ist mir gerade der erste meiner fünf Tipps sehr wichtig zu betonen.

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Fünf Alltags-Tipps für Hochsensible 

 

1. Deine Schwäche ist deine Stärke – Akzeptiere dich, nehme dich an so wie du bist!

Werde dir deiner Stärken, die mit Hochsensibilität üblicherweise einhergehen, bewusst. Zu den Begabungen von HSPs gehören u.a. differenziertes, übergreifendes Denken, Feingefühl, Einfühlungsvermögen, ausgeprägte Intuition, Kreativität, Empathie, Sinn für Ästhetik, Lernfreude, Gerechtigkeitssinn. Erkenne dein Potenzial und lerne es zu schätzen. Du bist keineswegs benachteiligt! Schöpfe aus deiner Veranlagung, du hast besondere Talente!

2. Achte gut auf dich! Als HSP brauchst du mehr Erholungsphasen.

Die vielen Eindrücke, Wahrnehmungen und Reize, die dich täglich überfluten, gilt es auch wieder los zu werden! Überlege genau, was davon deine eigenen Probleme sind; was betrifft dich und was nicht. Lasse los! Reinige deine Gedanken. Vielleicht in deinem täglichen Dusch-Ritual? Wasche den Stress einfach ab. Nimm dir Zeit um zu spüren, wie es dir geht. Vielleicht bekommst du deinen Kopf – so wie ich – am besten durch Bewegung und Sport frei? Yoga, Pilates, Joggen, Schwimmen, Tanzen, Singen, Lesen, Schreiben, Malen, Zeichnen, ein Tee Ritual, Meditation, Atemübungen, Stricken, Spazieren gehen oder einfach nur da liegen und aus dem Fenster schauen – egal was es ist, tue das, was dir gut tut und gönne dir regelmäßig deine Auszeit. 

3. Nein Sagen!

Du musst nicht jeden Termin wahrnehmen. Du musst nicht jedem Menschen helfen. Du bist zu nichts verpflichtet. Du bist nicht dafür verantwortlich, wie es anderen geht. Du musst nicht immer erreichbar sein. Wenn es dir nicht gut geht, sage Termine ohne schlechtes Gewissen ab – du wirst sehen, die Welt wird sich weiterdrehen. Ebenso wichtig: du bist niemanden eine Erklärung schuldig! Nein heißt nein. Keiner muss begründen, warum er eine Auszeit braucht. Definiere deine Grenze und ziehe diese konsequent. Wenn du deine Grenze nicht setzt, tun es andere für dich – in ihrem Interesse!

4. Mache die Probleme anderer nicht zu deinen!

Als HSP muss man lernen, sich deutlich abzugrenzen und nicht die Gedanken, Gefühle und Emotionen anderer auf sich zu laden. Hat dir jemand in seiner schlechten Laune schroff geantwortet oder genervt reagiert? Das ist nicht dein Problem und hat mit dir persönlich überhaupt nichts zu tun. Du weißt nicht in welcher Lage sich Menschen gerade befinden, was sie erlebt haben, welche Probleme sie mit sich herum tragen. Grenze dich ab, bewahre deine eigene Integrität.

5. Geh dahin wo Liebe und Akzeptanz für dich ist!

Schaue dir dein soziales Umfeld und deinen Freundeskreis genau an. Werden deine Bedürfnisse akzeptiert und angenommen? Fühlst du dich wohl und verstanden? Kannst du Du selbst sein? Werden deine Grenzen akzeptiert? Wenn du diese Fragen nicht mit einem klaren Ja beantworten kannst, solltest du dein Umfeld überdenken. Umgebe dich nur mit Menschen die gut für dich sind.  

Ich hoffe ich konnte euch mit meiner Erfahrung ein wenig helfen und Anregung geben. Lasst mir sehr gerne Kommentare zu euren Erfahrungen da. 

 

Eure Martina