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Familie & Partnerschaft

Eine kleine Berührung

Samt reflektiert das Licht der Wohnzimmerlampe auf deinen Körperzellen. Etwas ehrfürchtig betrachte ich deinen Arm, deine Finger, die auf dem weichen Sofa ruhen. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus und lege sie auf dein Bein, auf deine Schulter, an deine Wange. Unsere Körper berühren sich. Wir haben keinen Sex, wir berühren uns einfach. Mein Gesicht an deiner Brust, deine Füße an Meinem, meine Zunge in deinem Mund. So vorsichtig drückst du dich an mich, als hättest du Angst ich würde zerbrechen. Ganz sanft lehne ich mich an dich. So unschuldig fühlen wir uns.

Ich lache und umarme euch beide. Zusammen fragen wir uns, wieso wir uns im Alltag nicht berühren können. Warum wandeln wir so distanziert durch unsere urbanen Lebenswelten, so blasiert und kühl? Was erwarten wir, mit unseren starren Blicken in den Menschenmengen zu entdecken? Dicht gedrängt aneinander bewegen wir uns wie Maschinen, wie tote Fische gleiten wir im grauen Strom der Stadt aneinander vorbei. Ich verzehre mich nach Nähe und nach Küssen. Ich will Wärme. Ich will Berührungen. Ich will berühren und berührt werden.

Respekt und Lust müssen sich nicht ausschließen. Mit jemandem zu sein, ist mehr als dieses Wort aus drei Buchstaben. Ich will dieses Knistern in mir spüren und es mit dir teilen. Ich will deinen Herzschlag fühlen und ihn dem Takt meines pulsierenden Blutes anpassen. Ich will mich mit Menschen verbinden, mit meinem Körper kommunizieren, meine Gliedmaßen sprechen lassen. Ich will in eure Augen blicken, ohne ständig Worte von mir geben zu müssen. Ich will euren Geruch einatmen und mich einfach fallen lassen. Gemeinsam können wir fallen. Oder schweben. Ich strebe gar keinen bestimmten Ort an, kein Ziel. Meine Destination ist die Gegenwart und nicht das Irgendwo. Ich will mich frei machen, frei sein von Verantwortung. Warum gehen Küsse immer mit Verpflichtungen einher? Warum habe ich immer diesen bitteren Nachgeschmack eines Versprechens in meinem Mund, nachdem ich ihn von deinem löse? Manche Umarmungen fühlen sich dann an wie ein Käfig, der mich hindert meine Flügel auszubreiten. Ich will vorwärtskommen. Ich will meine Haut an deine legen, will mit meinen Fingern die filigranen Linien um deinen Hals entlang zeichnen. Ich will dein Glühen einatmen und dir sagen: „Schau! Wie unser Schweiß in der Nacht glitzert.“ Und morgen, wenn der neue Tag beginnt, will ich deine Wohnung verlassen und mit jemand anderem schwimmen gehen.

Wahrscheinlich bin ich nicht fair. Ich verhalte mich egoistisch und selbstbezogen. Ich verlange Aufmerksamkeit und nachdem ich sie erhalten habe, stoße ich sie wieder von mir. Nehmen und Geben.

Dennoch frage ich mich, wer genau ist es, der nach Monogamie verlangt? Welche Person hat sich dieses Prinzip von ewiger Treue ausgedacht? Denn was ist schon Treue? Treu bin ich jemanden, wenn ich sie oder ihn respektiere. Treu mir selbst gegenüber bin ich, wenn ich mich nicht einschränke. Ich respektiere euch alle, sehr sogar. Warum soll Nähe so endlich sein? Warum muss ich mich für dich und gegen jemand anderen entscheiden? Warum darf ich nicht euch beide lieben und von euch beiden gleichermaßen geliebt werden? Warum können wir uns nicht berühren, unsere grazilen Körper voneinander kosten lassen, ganz unverbunden und ehrlich? Ich wünsche mir unschuldige Nähe. Ich wünsche mir zarte Berührungen. Ich wünsche mir Haut.

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Mit diesem Text gelingt es mir zum ersten Mal meine Gefühle in Worte zu fassen, ohne mich dafür schämen zu müssen.

 Ich habe mich fünf Jahre lang beziehungsuntauglich genannt, habe allen erzählt, dass ich Komplexe habe. Ich verzehrte mich nach sexuellen Erfahrungen und war extrem eingeschüchtert von der Nähe, die mir geschenkt wurde. Gefangen in einem ständigen Kampf aus zu viel und zu wenig Aufmerksamkeit taumelte ich durch das Liebesleben und dachte etwas stimme nicht mit mir. Ich habe das gleiche geglaubt, wie alle mit denen ich darüber gesprochen habe: der Richtige müsse nur kommen… Prince Charming warte irgendwo da draußen und mit ihm würde die feste Beziehung schon funktionieren und sich meine Sichtweise verändern. Ich müsse einfach meinen Seelenpartner finden. Tschack! Und dann würden sich all meine Probleme in Luft auflösen.

Irgendwo da draußen auf diesem Erdenball mit fast 9 Milliarden anderen Menschen findet sich also diese oder dieser jemand.

Wir wandeln durch unser Leben, auf der Suche nach der einen, an die wir uns binden können. Nichts wird uns von dem einen trennen können, wir werden gemeinsam Kinder bekommen, unsere Finanzen zusammenlegen, uns gegenseitig befriedigen und bekochen. Und vor allem werden wir niemand anderen mehr begehren. Unsere Küsse und Liebkosungen, unsere Orgasmen sind nur noch für diese eine Person bestimmt. Die Ehe ist ein Vertrag, der das Zusammenleben zweier Menschen bestimmt und die Liebe wird dabei rudimentär zusammengeschnitten und in ein ganz bestimmtes Lebenskonzept gepresst. Das ist das Happy End, das die meisten von uns anstreben – ein „bis auf, dass der Tod uns scheidet“, so wie wir es aus Geschichten und Disney Filmen kennen. Die harte Realität sieht es etwas anders aus: Ehen werden geschieden, Menschen betrügen ihre bessere Hälfte, weil sie mit jemand anderem schlafen. Die rosa Bubble der Monogamie scheint am bunten Alltag zu zerplatzen. Warum also halten wir so vehement an einem Konstrukt fest, das ursprünglich aus wirtschaftlichen Gründen entstanden ist?

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Diejenigen von uns, die nicht heiraten wollen, leben die serielle Monogamie aus: sie wechseln ihre Partner*innen – sind dabei aber immer an eine einzige Person mit ihrem Sexual- und Liebesleben gebunden. Warum muss Liebe etwas Endliches sein, eine „Mangelware“ in Easton&Hardy´s Worten ausgedrückt? Warum kann sich Partner*innenschaft nur auf eine einzige Person richten? Und warum ist Sex dabei eine so rare Ware? Sind sich nicht die meisten einig darin, dass Geschlechtsverkehr etwas sehr Schönes sein kann? Und doch wird das mit-anderen-Leuten-Schlafen als moralisch verwerflich stigmatisiert, wenn es nicht unter den heiligen Laken der Partner*innenschaft geschieht. Kann ich nicht verschiedene Leute lieben, mehrere Partner*innen haben und mit unterschiedlichen Menschen schlafen?

Vielleicht ist diese Frage zu krass.

Vielleicht ist eine Festlegung auf ein klares Nein aber auch gesellschaftlich vorbestimmt. Es kommt von der Internalisierung ganz bestimmter Rollenerwartungen. Monogamie ist ein Gesellschaftskonzept, dass wir durch unsere Sozialisation erlernt haben (vgl. Easton & Hardy, 78 f.). Wir sind von Kindestagen an nichts anderes gewohnt: wir kennen Mama und Papa, Oma und Opa. Wir warten auf unsere erste Beziehung, das erste Mal (das bitte etwas besonders sein soll – aber bei wer oder wem war es das schon?). Sex und Partner*innenschaft werden verheiligt. Wir sind überhaupt nichts anderes gewohnt, weil wir nichts anderes kennen gelernt und ausprobiert haben. Und wie können wir dann von uns sagen, dass wir das andere nicht mögen? Wer noch nie Vanille probiert hat, kann natürlich ihr oder sein Leben lang behaupten Schoko sei die bessere Wahl – wirklich wissen kann er oder sie es nicht.

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Ich will hier nicht die Monogamie an sich verteufeln – und damit einhergehend Alle, die glücklich in einer monogamen Beziehung leben. Ich will aber behaupten, dass es nicht das einzige Liebeskonzept ist, dass wir leben können. Polyamorie ist auch nicht als Gegenstück dazu zu verstehen: als Yin zum Yang. Wir reden hier nicht von einem Schwarz-Weiß Konzept – viel eher von einer unglaublich großen Palette an Schattierungen, von so vielen unterschiedlichen Abenteuern. Das wichtigste bei jeder dieser Lebens- und Liebensformen, die wir mit uns und anderen eingehen ist die Ehrlichkeit: ein Seitensprung unterscheidet sich von einer offenen Beziehung durch die respektvolle Kommunikation und das Einverständnis aller. Ehrlich sollten wir unseren Mitmenschen, aber auch uns selbst gegenüber sein können. Und solange ein Konzept niemanden schadet und andere in ihrem Leben bereichert, spricht nichts dagegen, oder?

Lena Sammüller

 

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photos by Luca Werner 

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Gerade noch so der jungen, hippen Generation Z zugehörend, sucht sich Lena Sammüller einen Weg durch den bunten und urbanen Dschungel des 21. Jahrhunderts. Fest davon überzeugt, dass es für viele konventionelle Dinge aufregende Alternativen gibt, seien es Bambuszahnbürsten, offene Beziehungen oder Permakultur, studiert sie derzeit Soziologie in München.