Nackt – oder nicht?

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Ob ich Badebekleidung anziehen soll oder nicht kann mir niemand so richtig beantworten. Nicht einmal das schlaue Internet. Ich rede mit Einheimischen und bekomme unterschiedliche Ratschläge. Na toll. 

Da hilft nur eins: Feldforschung betreiben. Ich muss das ganze selbst erleben – hautnah sozusagen. Und das tue ich. Ich setze meinen schwitzenden Körper neben andere schwitzende Körper, beobachte und lerne. 4 Monate bin ich als Erasmus Studentin in Helsinki und beginne bereits nach einer Woche die Sauna zu lieben. In Finnland leben 5,4 Millionen Leute und es gibt zwischen 2 und 3 Millionen Saunen – also im Schnitt eine für zwei Leute. 

Unser Wohnheim hinkt da mit seinen nur zwei Stück im 9. Stock für einen Haufen internationaler Studierende vergleichsweise ganz schön hinterher. Aber nachdem dieses Erlebnis für die meisten von uns neu ist, kann es ihm niemand übelnehmen. 

Die wenigsten von uns, haben bereits Erfahrung gesammelt. In Deutschland war ich nie saunen. Das einzige Wissen, dass ich über deutsche Exemplare besitze speist sich aus den Berichten meiner Mum, die sich mehrfach beschwert hat, dass sie die ganzen nackten, alten Männern, die so starren nerven. Nacktheit ist an sich ja kein Problem für sie, aber halt eben nicht neben den alten, starrenden Männern… übrigens auch nicht neben den jungen, trainierten Typen– die stressen sie mit ihren strammen Körpern. 

In Finnland sind die Saunen nach Geschlecht getrennt, höre ich irgendwo. Das ist doch schonmal was. Da kann ich mich dann ganz entspannt mit all meiner Natürlichkeit hinhocken und schwitzen. Oder? 

In unserem Studierenden-Wohnheim gibt es 3mal die Woche Public Sauna, da wird getrennt und man geht nackt. Als ich das erste Mal mit meiner französischen und italienischen Mitbewohnerin gehen will, sind die beiden ganz entsetzt als ich ihnen in der Küche sage, dass ich keine Badebekleidung trage. Die Italienerin überlegt es sich plötzlich anders und geht wieder in ihr Zimmer, die Französin zieht sich ihren Bikini an und kommt danach nie wieder mit. 

4-mal die Woche ist Private Sauna – da bucht man die Sauna und kann dann einladen, wen man will. Da mischen dann alle munter durch und gehen nackt. Während wir am Anfang noch umständlich unsere Handtücher wie Togen um uns wickeln und beim Hinausgehen mehrfach fast gestolpert wären, lockert sich nach einiger Zeit die Stimmung sowie die Handtücher langsam bis wir nach 2 Monaten (fast) munter rein- und rausschlendern und uns im Schneidersitz hinsetzen. Ich höre wie ein schwuler Typ einem Mädchen sagt, dass ihr Po süß ist. Das ist keine sexuelle Belästigung, viel eher ein offener Umgang mit Nacktheit und sie freut sich über das Kompliment. Allerdings weiß ich nicht, wie sie sich fühlen würde, wenn der Kommentar von einem heterosexuellen Mann kommen würde… wahrscheinlich würde es die Situation ändern. Eben diese Typen sind sehr bedacht und vorsichtig was unser alle und aller Nacktheit betrifft. Ein Italiener öffnet einmal die Tür zum Vorraum während eines der Mädchen duscht. Total perplex haut er die Tür wieder zu, entschuldigt sich stammelnd, nur um kurz darauf wieder hineinzukommen und betont lässig an der Duschenden in die Sauna zu gehen. Ihr seht – gar nicht so einfach.

Winterlandschaft-blogartikel
Aber wir halten fest: wenn man mit Bekannten, Freundinnen und Freunden geht, dann sind alle nackt.

Öffentliche Saunen sind a little bit different. Es gibt solche, bei denen man Geld zahlt – also wie in einem deutschen Schwimmbad. Das ist generell getrennt und man ist auch da nackt. Manche haben tatsächlich auch ein angeschlossenes Schwimmbecken, in dem man dann wie Aphrodite nackt seine Bahnen ziehen kann, sehr angenehm. Auch wenn ich mich ein wenig frage, was der männliche Bademeister die ganze Zeit so guckt aus seinem Glashäuschen, aus dem er volle Sicht auf alle Damen hat. Zudem finde ich so eine binäre Aufteilung nach Geschlecht auch ziemlich veraltet – ich dachte wir wären im 21. Jahrhundert schon ein bisschen weiter mit Transgender. Aber vielleicht ist das nur in der Theorie so. Manchmal haben auch Gyms oder Unis oder andere Institute Saunen, wie Universitäten. Da kann es dann schonmal vorkommen, dass man neben Dozent*innen sitzt. Diese Saunen sind nicht immer getrennt und dann (!) bedeckt man sich mit Handtuch oder Badeklamotten. 

Es gibt aber auch öffentliche Saunen, die kein Geld kosten und freiwillig von Finnen und Finninnen betrieben werden und Zugang zum Meer haben. Das ist ziemlich cool in zweierlei Hinsicht – also nice und arschkalt. Dort sollte man nicht hingehen, wenn man Angst vor Scheidenpilz hat – man setzt sich nämlich auf Holzbänke, die in Schweiß schwimmen. Dort wird auch nix getrennt und man quetscht sich Körper an Körper neben alte, nackte Männer. Ja, Mama – hier sind sie die alten, nackten Männer. Was diese betagten finnischen Herren aber von den Deutschen unterscheidet ist, dass niemand starrt! Wirklich niemand! Sogar vor der Sauna im Freien stehen sie nackt herum, mit einem Bier in der Hand und Latschen an den Füßen – manche haben lustige Saunahüte auf. Allerdings muss ich sagen, dass hier hauptsächlich die Männer nackt sind, Frauen teilweise auch, tragen aber meistens zu mindestens ein Höschen. Ich würde sagen hier gilt der alt abgelutschte Spruch: Alles kann, nichts muss. Es ist also in Ordnung, wenn die Internationals lieber in Badeanzug kommen. 

So viel zum Dresscode im finnischen Schwitzhäuschen. Vielleicht hab ich ein bisschen Klarheit in die dunkle, feuchte Wärme gebracht, vielleicht hab ich auch nur für mehr Verwirrung gesorgt und dich zum schwitzen gebracht. Einerlei – in beiden Fällen habe ich etwas erreicht.

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Zum Schluss will ich noch zwei Klischees bestätigen: 
  1. finnische Leute sind zwar ein bisschen zurückhaltender, was den normalen Betrieb im alltäglichen Leben betrifft, wenn man sich aber in der Sauna neben sie setzt, dann fangen sie plötzlich zu reden an und hören gar nicht mehr auf. Ich denke, dass sie da Tiefkühl-Spinat ein wenig ähneln – der muss ja auch erst auftauen, bevor er wirklich genießbar ist.
  2. deutsche Leute können in ihrem Unwissen ein bisschen zu ehrgeizig sein. Saunen tut man nicht, um allen zu zeigen, dass man länger und heißer kann, als die anderen. Das kann nämlich damit enden, dass die ein oder der andere nach ihrem/seinen ersten Saunagang im fremden Land erstmal in Ohnmacht fällt. Ist aber immerhin lustig im Nachhinein.

Lena Sammüller

 

pictures by
(1) Lassi | unsplash
(3) Matt Seymour | unsplash

portrait-lena-sammueller

Gerade noch so der jungen, hippen Generation Z zugehörend, sucht sich Lena Sammüller einen Weg durch den bunten und urbanen Dschungel des 21. Jahrhunderts. Fest davon überzeugt, dass es für viele konventionelle Dinge aufregende Alternativen gibt, seien es Bambuszahnbürsten, offene Beziehungen oder Permakultur, studiert sie derzeit Soziologie in München.

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